Wiener KammerOrchester  -  We C7; music
Wiener
KammerOrchester
Kammersymphonie c-moll op. 110a<br>(Bearbeitung des 8. Streichquartetts von Rudolf Barschai)

Dmitri Schostakowitsch
Dauer: 24"

Largo
Allegro molto
Allegretto
Largo
Largo

Schostakowitschs Requiem ohne Worte

Dmitri Schostakowitsch weilte im Sommer 1960 in Dresden, um an der Musik zu dem Film „Fünf Tage - fünf Nächte" zu arbeiten. Der Film behandelt eine Episode vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Anwesenheit in der Stadt, die im Krieg durch Bomben total zerstört wurde und in der die Wunden 15 Jahre später immer noch zu sehen und spüren waren, ließ in Schostakowitsch eine Trauermusik aufsteigen, die er in nur drei Tagen, zwischen 12. und 14. Juli 196o, in Dresden als Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110 zu Papier brachte. Dresden ist ein Mahnmal für Millionen unschuldiger Opfer nicht nur des Zweiten Weltkrieges, sondern jedes Krieges. Schostakowitsch widmete das Streichquartett den „Opfern des Faschismus und des Krieges". Nicht nur die Getöteten, auch die Überlebenden in ihren körperlichen und psychischen Verletzungen sind Opfer. Einer dieser Überlebenden ist der Komponist, der seine Trauer, Verzweiflung und Wut über die sinnlose Vernichtungsmaschinerie von Kriegen ausdrückt. Eine sehr persönliche musikalische Aufarbeitung also, weshalb sich auch die Ton-Initialen von Dmitri Schostakowitsch (D-Es-C-H) vom ersten Satz an durch das Werk ziehen.

Das Werk enthält viele Zitate, sowohl aus eigenen Werken wie aus Werken anderer Komponisten. Schostakowitsch verknüpft seine persönlichen Erinnerungen an den Krieg und seine seelischen Verletzungen mit Themen aus seinem Ersten Cellokonzert, der Ersten, Achten, Zehnten und Elften Symphonie, einer Arie der Katerina Ismailowa aus „Lady Macbeth von Mzensk" (für diese Oper traf Schostakowitsch in der Stalin-Ära der Bannstrahl des Diktators) sowie aus dem Klaviertrio Nr. 2 (aus dem der verzweifelte Tonfall eines kleinstädtischen jüdischen Tanzes übernommen ist). Von dem Sachsen Richard Wagner, der in Dresden seine ersten großen Opernerfolge feierte, klingt der „Begräbnismarsch" aus der „Götterdämmerung" an. Zu hören sind auch Erinnerungen an das Seitenthema aus dem Kopfsatz von Tschaikowskis „Pathetique"-Symphonie und an Glasunows Violinkonzert (Glasunow war der väterliche Förderer des Studenten Schostakowitsch).

Schostakowitsch schuf ein erschütterndes Requiem ohne Worte. Die fünf ohne Unterbrechung ineinander übergehenden Sätze erlangen symphonische Größe, weshalb das Streichquartett mehrere Bearbeitungen für orchestrale Ensembles erfuhr, darunter eine für Streichorchester von dem Dirigenten und Geiger Rudolf Barschai, die im heutigen Konzert erklingt.

Nach dem düsteren ersten Satz mit einem bohrenden Fugato über das D-Es-C-H-Motiv bricht im zweiten Satz mit martialischen Akkorden der furchtbare Gleichschritt der Kriege an, der nach dem Aufschreien der Verfolgten in einem makabren Totentanz mündet - da kippt die Musik plötzlich von lauter Verzweiflung in einen grotesken Walzer, eine Erinnerung an die Gefangenenorchester, die in den Konzentrationslagern und Gettos für die Folterknechte aufspielen mussten. Der dritte Satz befreit mit einem energischen Thema aus dem Ersten Cellokonzert von dem makabren Klangbild. Nach diesen „Dies irae"-Abschnitten in symphonischer Gewalt folgen im vierten Satz ein „Lacrimosa"-Trauerzug (mit dem Thema des Arbeiterliedes „Ihr Opfer der Flammen") und ein inniges „Lux aeterna" (mit der zart schimmernden Abschiedsmelodie der Katerina Ismailowa). Der Finalsatz ist ein schmerzhaftes Suchen nach Trost. Die Resignation ist der ständige Begleiter des Suchenden.
(R.L.)

Quelle: Programmheft der Wiener Konzerthausgesellschaft. Das Wiener KammerOrchester bedankt sich für die Erlaubnis, diesen Text zu verwenden.


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