Wiener KammerOrchester  -  We C7; music
Wiener
KammerOrchester
Symphonie Nr. 5 B-Dur D 485 (1816)

Franz Schubert
Dauer: 27

Satzangaben:
Allegro
Andante con moto
Menuetto: Allegro molto
Allegro vivace

Franz Schubert wuchs auf und lebte in Wien gleichsam unter den Augen Beethovens. Wenn sich auch nicht mehr feststellen lässt, ob die beiden Männer jemals ein Wort miteinander gesprochen haben - dass "der Jüngling, der von Beethovens Genie begeistert und durchgedrungen war", die Arbeit seines großen Vorbildes lernend beobachtet, dass er Glück und Gelegenheit, dabei zu sein, bewußt genutzt hat, ist sicher. Was Schubert bei den "Lehrstücken", die die frühen Instrumentalwerke für ihn gewesen sind, in gewisser Weise auch noch die Quartette in a-moll und d-moll und dsa Oktett des Jahres 1824 - wie er selbst am 31. März 1824 an Kupelwieser schreibt -, was Schubert mit aller Bewußtheit anstrebte, das war die Beherrschung der Technik des Wiener klassischen Instrumentalstzes, wie ihn Beethoven zuletzt und am weitesten ausgeprägt hatte, und dann die Beherrschung der großen Formen im "symphonischen Stil". Um so merkwürdiger ist, dass Schuberts frühe Symphonien kaum einen Einfluss von Beethovens Symphonien erkennen lassen: aus keinem Takt Schuberts ist zu schließen, dass er die Eroica, aus keinem, dass er die Fünfte gekannt hätte, obgleich er sie gekannt haben muss, und der Versuch, Schuberts c-moll-Symphonie (die vierte, die "Tragische") zu Beethovens c-moll-Symphonie in Beziehung zu setzen, mutet absurd an. Nur Spuren des Einflusses von Beethovens beiden ersten Symphonien sind zu bemerken, stärker aber haben offenbar die beiden anderen Wiener Klassiker, Haydn und Mozart, auf Schubert gewirkt; ihre Symphonien, auch die weniger bekannten, scheint er eingehend studiert zu haben, wohl weil er in ihrer Kompositionsweise wie in der des frühen Beethovens das Wesen des klassischen Instrumentalsatzes deutlicher erkennbar ausgeprägt sah. Dass und was Schubert hier gelernt hat, zeigen seine frühen Symphonien - mit Ausnahme der fünften in B-Dur (D 485; September bis 3. Oktober 1816). Diese aber, obwohl von Schubert selbst sicherlich ebenfalls als eine Art "Lehrstück" verstanden, trägt als einzige von ihnen ganz und gar eigene Züge. Zunächst weicht die Orchesterbesetzung vom üblichen ab: es fehlen nämlich eine zweite Flöte, die Klarinetten und die Trompeten mit den Pauken. Der Grund hiefür liegt sicherlich nur in den Gegebenheiten des privaten Ensembles, für dsa Schubert das Werk schrieb, und in dessen mehr oder minder zufälliger Zusammensetzung, aber die Auswirkung auf das Werk als Ganzes ist eben tiefgreifend: Der Charakter wird so anders, dass keine langsame Einleitung für das erste Allegro mehr möglich scheint, und damit ist schon der erste Schritt zu einer knapperen Fassung des symphonischen Gedankens getan, der Weg ins aufwendige Pathos der großen Gattung vermieden. Diese Symphonie ist von den frühen die einzige ohne lange (oder gar leere) Stellen, die einzige, deren Wesenszüge eher Grazie und leichte Beschwingtheit, auch eine gewisse Natürlichkeit des musikalischen Ausdrucks zu sein scheinen, ohne dass ernste Töne dadurch ausgeschlossen wären, wie etwa das Andante zeigt. Genial darf man nicht nur die melodische Erfindung, genial muss man - gerade im Sinne des jungen Schubert - vor allem die symphonische Verarbeitung nennen, etwa dort, wo er die hinreißend eröffnende Geste der vier ersten Takte des Anfangs in der Durchführung wiederholt - und doch nicht wiederholt, sondern modulatorisch eben "durchführt", so dass er dann, wenn sie der Hörer erwartet (nämlich mit dem Eintritt der Reprise), gerade dadurch einen besonderen Effekt erzielt, dass er sie wegläßt. Wer diese Symphonie hört, etwa im Rundfunk, ohne zu wissen, von wem sie ist, der wird kaum sofort auf Schubert raten, auch wenn er wohl erkennt, dass sie weder von Haydn noch von Mozart sein kann, so stark sie auch in manchem besonders an den letzteren erinnert. Es ist ein neuer Ton in ihr, man wird auch vermuten, dass sie später ist als jene Meister - aber nichts deutet auf die Nähe Beethovens, und von den anderen Komponisten der zeit kommt keiner in Frage, denn selbst Weber hat keinen Instrumentalsatz von dieser Qualität geschrieben. Es ist ein Werk eines sonst nicht bekannten Personalstils - wenn dieser Widerspruch einmal erlaubt ist - und "von einer Schönheit, die wie eine geheimnisvolle Spiegelung bereits vergangener, aber ewig junger Schönheit wirkt" (Walter Riezler). Gerade darin aber ist die 5. Symphonie ein echter Schubert.

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