Der reitende Urzwerg
Western für Streichorchester und Harfe (2015) (UA)
Der reitende Urzwerg, oder „Nanoarchaeum equitans“, ist ein 400 nm großes einzelliges Lebewesen. Seinen Namen verdankt er einerseits seiner Winzigkeit und dem urzeitlichen Alter seiner Art, andererseits dem Umstand, dass er sich auf größere Archaeen haftet und auf ihnen „reitet“.
Als ich Anfang 2015 eine Radio-Dokumentation über den reitenden Urzwerg hörte, hat sich dieser allmählich in meiner Phantasie verselbstständigt. So fand er sich plötzlich inmitten einer Landschaft wie aus einem Sergio Leone-Film wieder. Dazu hörte ich in mir sogleich den passenden Soundtrack und brachte sofort die ersten Ideen auf’s Notenpapier. In der daraus entsponnenen Komposition wurde der reitende Urzwerg zum Protagonisten eines Westerns für Streichorchester und Harfe erhoben und es entstand ein Film ohne Bild. Die gesamte Geschichte wird durch die Musik erzählt. Dies lässt Raum für unsere Phantasie, welche uns die Möglichkeit gibt selbst zu gestalten, einzigartige Welten zu erschaffen und unser persönliches Universum im Kopf zu kreieren, das farbenreicher, skurriler und fabelhafter sein kann als die Realität.
Es muss uns bewusst sein, dass die Kreativität und die Phantasie zu jenen besonderen Fähigkeiten gehören, die uns als Menschen ausmachen. Doch seit unserer Kindheit versucht man uns ständig die Phantasie auszutreiben, damit wir zu funktionierenden Elementen einer wirtschaftlich und gesellschaftlich durchorganisierten Masse gemacht werden können. Sich gegen die geistige Verarmung zu stellen und sich die Phantasie zu bewahren ist eine Lebensaufgabe.
Nicht nur für Komponisten.
Gerd Hermann Ortler, April 2015