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Alle Werke

Ferruccio Busoni

Lustspiel Overture

Op. 38

Visionäre Pianisten...


Es ist wohl kein Zufall, dass sich unter den bedeutenden visionären Geistern der Musikgeschichte etliche der grössten Pianisten finden. Das Klavier ist – vermeintlich ein paradoxer Widerspruch – gleichzeitig ein Instrument der Abstraktion und der klanglichen Verzauberung. Auf ihm lassen sich Reduktionen, Auszüge und Bearbeitungen etwa von Orchesterwerken so wiedergeben, dass die gedankliche Substanz erhalten bleibt, obwohl dabei von den instrumentalen Klangfarben abstrahiert werden muss. Der Klavierton ist, verglichen mit Blas- und Streichinstrumenten, beschränkt in seiner Wandlungsfähigkeit: Einmal angeschlagen kann er nicht mehr beeinflusst werden. Genau dies macht aber gleichzeitig auch das verzaubernde Potenzial des Klaviers aus: Kein anderes Instrument stimuliert die Fantasie und Imaginationskraft des Hörers in stärkerem Masse. Kein anderes Instrument verlangt auch so sehr die gleichen Fähigkeiten von seinen Interpreten. Die Verwandlung des musikalischen Gedankens in Klang erfordert auf dem Klavier mit seiner vergleichsweise komplizierten Mechanik eine zusätzliche Anstrengung der Vorstellungskraft: Abstraktion und komplexe Mechanik wollen überwunden werden, auf dass der reine Klangsinn resultiere – im gelungenen Fall wirkt dieser Prozess magisch.

Zwischen gedanklicher Substanz und klingender Erscheinung besteht im Falle der Klaviermusik also ein besonderes Spannungsverhältnis, das sich auch in manchen Orchesterwerken der grossen komponierenden Pianisten wieder findet. Beethoven, der zunächst als Virtuose Furore machte, rang seinem Instrument die Fähigkeit zu inhaltlicher Rede ab und verband schliesslich auch die Sinfonik mit ideellem Gehalt und expliziter Aussage. Franz Liszt legte, nicht nur in den «Sinfonischen Dichtungen», seinen Werken aussermusikalische Programme zugrunde und schrieb im Alter befremdlich abstrakte, geradezu esoterisch wirkende Musik. Und für Ferruccio Busoni schliesslich, ehemaliges Wunderkind und in der Tradition von Liszt und Anton Rubinstein einer der berühmtesten Pianisten seiner Zeit, war Musik als klingende Erscheinung generell nur das Transportmittel für jene musikalischen Gedanken, die «an sich» nicht zu fassen sind: «Jede Notation ist schon Transkription eines abstrakten Einfalls. Mit dem Augenblick, da die Feder sich seiner bemächtigt, verliert der Gedanke seine Originalgestalt. Die Absicht, den Einfall aufzuschreiben, bedingt schon die Wahl von Taktart und Tonart. Form- und Klangmittel, für welche der Komponist sich entscheiden muss, bestimmen mehr und mehr den Weg und die Grenzen. Es ist ähnlich wie mit den Menschen. Nackt und mit noch unbestimmten Neigungen geboren, entschliesst er sich oder wird er in einem gegebenen Augenblick zum Entschluss getrieben, eine Laufbahn zu wählen. Mag auch vom Einfall oder vom Menschen manches Originale, das unverwüstlich ist, weiterbestehen: sie sind doch von dem Augenblick des Entschlusses an zum Typus einer Klasse herabgedrückt. Der Einfall wird zu einer Sonate oder zu einem Konzert, der Mensch zum Soldaten oder zum Priester. Das ist ein Arrangement des Originals» («Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst»). Konsequent daher, dass Busoni wie sein Vorbild Liszt auch durch seine Klaviertranskriptionen zu Weltruhm gelangt ist.


... und eine Lustspielouvertüre


Die Popularität, die Ferruccio Busonis Lustspielouvertüre (1897 entstanden und 1904 revidiert) erlangte, dürfte nun freilich zunächst in der glanzvollen Leichtigkeit ihrer Erscheinung liegen. Allerdings baut auch diese Musik auf ästhetischen Überlegungen auf, die über den brillanten Glanz der Oberfläche hinaus weisen. Dass zwischen «Tiefe des Gefühls» und leichtfertigem Humor kein Widerspruch bestehe, ja dass die eine durch den anderen erst möglich werde, war Busoni klar: «Unter Tiefe des Gefühls dürfte jedoch jeder Freund der Philosophie das Erschöpfende im Gefühl betrachten: das volle Aufgehen in einer Stimmung. Wer mitten in einer echten, grossen karnevalischen Situation griesgrämig oder auch nur indifferent herumschleicht, wer nicht von der gewaltigen Selbstsatire des Masken und Fratzentums, der Macht der Unbändigkeit über die über die Gesetze, dem freigelassenen Rachegefühl des Witzes mitgerissen wird, der zeigt sich unfähig, sein Gefühl in die Tiefe zu senken. Hier bestätigt sich wieder, dass die Tiefe des Gefühls in dem vollständigen Erfassen einer jeden – selbst der leichtfertigsten – Stimmung ihre Wurzeln hat, – im Wiedergeben ihre Blüten treibt» (Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst»). Solche Überlegungen finden natürlich bei Mozart ihre Verkörperung, und in der Lustspielouvertüre lässt sich denn auch sehr wohl das Vorbild mozartschen Geistes erkennen. In ihrer Instrumentation, in ihren Kombinationen von flockigen Bläser-Staccati mit huschenden Streicherpassagen, in ihrer thematischen Einfachheit und in ihrem dialogischen Charakter ist das kurze Werk allerdings auch Mendelssohn nicht fern. Und wenn schliesslich das Widerspiel der Holzbläser und Streicher gar die Gestalt einer Fuge annimmt, blitzen im raschen Vorbeigehen auch Reminiszenzen an noch Ältere auf. Harmonisch freilich steht diese Musik mit ihren weitschweifigen Modulationen ganz auf der Höhe der Zeit, die Reminiszenzen bedeuten keinen Abschied von der Gegenwart – und steht doch als Rarität in einem Zeitalter, das den schweren musikalischen Tiefsinn liebte. Sprühend von Ideen und scheinbar mühelos, gleichsam im Handumdrehen komponiert, ist die Lustspielouvertüre uns als ein im Einklang mit der Tradition funkelndes Bijou des grossen Zukunftsvisionärs Busoni erhalten geblieben.

©Michael Eidenbenz