Romeo und Julia Fantasie Ouvertüre [endgültige Fassung]
TH 42Komponiert: 1880
Erste Fassung: 1869, revidiert 1870, endgültige Fassung 1880
Tschaikowskis Romeo und Julia ist keine Opernouvertüre, sondern ein in sich geschlossenes Orchesterdrama. Ausgangspunkt ist Shakespeare, doch die Musik erzählt nicht Szene für Szene, sie bündelt die Tragödie zu wenigen elementaren Kräften, die im Verlauf miteinander ringen. Zu Beginn öffnet sich ein feierlicher, choralartiger Klangraum, ruhig und gesammelt, wie eine Stimme der Vermittlung.
Dann bricht das Allegro los, nervös und scharf akzentuiert, voller Vorwärtsdrang. Hier steht nicht ein einzelner Charakter im Zentrum, sondern der Mechanismus der Feindschaft selbst, eine Energie, die sich steigert, verhärtet, explodiert, und immer wieder neu aufflammt. Aus diesem Konflikt erhebt sich das berühmte Liebesthema, weit gespannt und gesanglich, ein großer Gegenpol voller Wärme.
Gerade weil diese Melodie so selbstverständlich fließt, wird ihr Zerbrechliches spürbar. Sie steht wie ein anderer Atem in einer Welt, die sie nicht duldet. In der endgültigen Fassung von 1880 sind Übergänge und Steigerungen besonders klar gebaut, die Dramaturgie wirkt geschlossen und zwingend.
Am Ende kippt die Musik in eine Coda, in der Tragik nicht dekorativ erscheint, sondern unausweichlich wird. Wenn das Liebesthema noch einmal aufscheint, klingt es wie Erinnerung, hell und schmerzlich, und schon im Verschwinden begriffen.