Petya i volk ("Peter und der Wolf")
Op. 67Ein symphonisches Märchen op. 67 für Erzähler und Orchester
Komponiert: 1936
- Gattung
- Neoklassik
- Katalog
- Op.
Sergej Prokofjew verließ 1918 kurz nach der russischen Revolution sein Heimatland. Die entstehende Sowjetunion schien ihm keine Basis mehr für eine gesicherte künstlerische Betätigung zu bieten. Prokofjew ging nach Amerika, lebte dann in Bayern und in Paris, machte als Pianist und als Komponist eine glänzende Karriere im Westen. Ab den frühen Dreißigerjahren unternahm er aus Heimweh Konzertreisen durch die Sowjetunion, fasste auch mit seinen Kompositionen Fuß und entschied sich 1935 dazu, mit seiner Familie endgültig in die UdSSR zurückzukehren.
Anfangs beteiligte er sich stark am Aufbau des Musiklebens des sozialistischen Landes. Er suchte den Kontakt zum Publikum und bemühte sich, einen stilistischen Wandel hin zu einer von den politischen Machthabern geforderten Musik zu vollziehen, die «vom russischen Volk verstanden werden kann». Seine raffinierte und experimentierfreudige Ton- und Klangsprache behielt er freilich bei, er zügelte nur seine musikalische Zunge etwas und lebte stärker denn je seine melodische Leidenschaft aus.
Die Vermittlung klassischer Musik für die Kinder in der Sowjetunion war Prokofjew ein besonderes Anliegen. 1935 komponierte er «Zwölf Klavierstücke für Kinder», 1936 begann er mit der Arbeit an Kinderliedern – und wurde von der Leiterin des Zentralen Kindertheaters in Moskaus, Natalia Saz, angeregt, ein Märchen mit Musik für Kinder zu verfassen. Prokofjew betonte die pädagogischen Ziele, die er mit dem symphonischen Märchen «Peter und der Wolf» verfolgte: «Jede handelnde Person dieses Märchens ist im Orchester durch ein Instrument oder mehrere vertreten: das Vögelchen durch die Flöte, die Ente durch die Oboe, die Katze durch die Klarinette im tiefen Register (staccato), der Großvater durch das Fagott, der Wolf durch Waldhornakkorde, Peter durch eine Streichergruppe, die Schüsse der Jäger durch Pauken und eine große Trommel. Es ist angebracht, den Kindern diese Instrumente vor der Aufführung zu zeigen und ihnen die Leitmotive vorzuspielen. Auf diese Weise lernen sie ohne jede Anstrengung während der Aufführung eine ganze Reihe von Orchesterinstrumenten zu unterscheiden.»
Prokofjew entwarf nicht nur mit Musiknoten eine spannende Geschichte, sondern verfasste auch den Text des Märchens, der von einem Sprecher vor den jeweiligen Musiksequenzen erzählt wird. Ein wirkungsvolles Konzept: «Peter und der Wolf» wurde Prokofjews bekanntestes Werk und erlangte mit Übersetzungen der Textfassung in viele Sprachen weltweite Popularität. Für den Dirigenten und Pianisten Stefan Vladar hat Prokofjews Märchentext auch eine politische Seite. Die Geschichte vom Wolf, der eine Ente frisst, lässt sich als eine Allegorie auf Stalin und das geknebelte sowjetische Volk verstehen. Peter wäre in diesem Fall ein Revolutionär.
Die eingängige musikalische Sprache enthält einige Feinheiten bis hin zum Final-Marsch: Peters Thema, bisher immer von den Streichern gespielt, wird nun von den Hörnern, bisher die Instrumente des Wolfes, ausgebreitet. Jetzt hat Peter vom Wolf auch die klangliche Vorherrschaft übernommen.
(Rainer Lepuschitz)